Ein Mann lässt seinen Unmut über die Demonstranten auf der Istiklal Caddesi im Juli Istanbul freien Lauf (Foto: Dyfed Loesche)

TÜRKEI – Teargas for Fears

16. September 2013

- Von John Dyfed Loesche –

Ich verfolgte erstaunt, wie sich das Gesicht des Mannes im schwarzen Kampfanzug verfinsterte und bereitete mich auf einen Schlag vor. Er war gerade dabei seine Männer neu aufzustellen, checkte das unmittelbare Umfeld, guckte mich kurz an, wollte sich abwenden, nahm sich Zeit für einen zweiten Blick und nahm mich erst dann wahr.

Ich hatte mich an die Häuserecke gehockt, klein gemacht und fotografierte ihn und seine Kollegen, wie sie Ordnung in ihre Reihen brachten. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte der Polizist, dass meine Kamera zu klein für die eines professionellen Fotografen war. Mein Poloshirt war klatschnass und meine Augen vom Tränengas gerötet.

Er schubste und schrie mich an, aber seinem Befehl, die Gasse hinunter zulaufen, vor der sich seine Kollegen aufbauten, konnte ich nicht nachkommen. Gerade erst hatten sie Gas verschossen. Größer als die Angst geschlagen zu werden, war die Angst von einer Gasgranate in den Rücken getroffen zu werden. Ich schlug ihm gestikulierend vor, mich in die andere Richtung zu verpissen.

Unvorbereitet

Mehr durch Zufall waren ein Kollege und ich gleich am ersten Tag unseres Aufenthaltes in Istanbul mitten in den Protest gegen die konservative Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan geraten. Wir waren davon ausgegangen, dass sich die Proteste gelegt hätten. Schließlich gerieten wir in die schwersten Straßenschlachten seit mehreren Wochen.

Wir schlenderten über die Istanbuler Einkaufstraße Istiklal hinauf bis zum Taksim-Platz, der an den Gezi-Park grenzt, dort wo die Proteste Anfang Juni begannen. Am Rande des Platzes hatten sich mehrere Hundertschaften der Polizei samt Wasserwerfern aufgebaut. Wir dachten, es handele sich lediglich um eine abschreckende Maßnahme.

Ich machte ein paar Fotos von den Beamten, die hinter einem Absperrzaun aufgereiht standen. Auf dem Rückweg die Istiklal hinunter in Richtung Hafen zum Galata-Turm, begegnete uns zunächst ein lautstarker Demozug einer Gruppe von Frauen, die für ihre Rechte demonstrierten. Ich machte ein paar Fotos und wir schlenderten weiter.

Uns waren bereits die Straßenverkäufer aufgefallen, die türkische Fahnen mit dem Konterfei des Gründers der Republik, Kemal Atatürk, verkauften. Er ist die Gallionsfigur eines Teils der weltlich orientierten Protestbewegung gegen die amtierende religiös-konservative Regierung. Für fünf Lira, etwa zwei Euro, waren auch einfache Atemmasken zu kaufen.

Kurz entschlossen

Erst als wir fast beim Galata-Turm ankamen, begegnete uns eine kleinere Gruppe von Demonstranten, die auf Anhieb etwas forscher wirkten. Mit Bannern bewaffnet, teils mit Atemschutz und Schwimmbrillen, skandierten sie Parolen. Eine gemischte Truppe, darunter viele Frauen.

Wir entschlossen uns, dem Umzug zu folgen. Die Menge schwoll an. Die Protestrufe wurden lauter, Fäuste wurden gereckt und das italienische Partisanenlied „Bella Ciao“ gesungen. Die Menge kam zum stehen. Die ersten Teilnehmer gingen in die andere Richtung. In einer leichten Rechtskurve kam ein Wasserwerfer in Sicht. Es gab kein Halten mehr: Die Demonstranten rannten in die Gegenrichtung.

Zwei Wasserwerfer rauschten in voller Fahrt heran und fegten die Fußgängerzone leer. Statt zu laufen, drückte ich mich an die Fensterfront und ließ mich quasi überrollen. Ich entging dem Wasserstrahl aus der Kanone nur knapp. Hinter den Wasserwerfern folgte im Laufschritt die Einsatzpolizei mit Gasmasken, Granatwerfern, Schilden und Schlagstöcken.

Ich war erstaunt, wie die Polizei einerseits rigoros gegen die Demonstranten vorging anderseits die Meute von mehr oder wenig professionell wirkenden Fotografen und Filmern tolerierte, die nun neben ihnen herlief, auch wenn manche von ihnen, ganz klar nach Protestlern aussahen.

Nach Angabe des Spiegels sind seit Anfang der Proteste fast 8.000 Menschen verletzt worden, darunter über 100 Fotografen und Journalisten. Zudem sitzen in keinem weitere Land mehr Journalisten in Haft als in der Türkei. Die meisten türkischen Massenmedien haben sich auf die Seite Erdogans geschlagen. Reporter, die kritisch berichten, verloren ihren Job.

Übungseinheit

Dennoch: Es mag sich zynisch anhören, aber für einen Fotografen oder Filmer, der sich auf Konfliktberichterstattung spezialisieren will, sind solche Einsätze unter realen Bedingungen, aber in einem relativ sicheren Rahmen, ein Übungsfeld.

Istanbul ist nicht Aleppo oder Kairo. Wer verletzt wird, erhält ärztliche Versorgung. Allerdings gilt, dass wer als Ausländer von der Polizei verhaftet wird, abgeschoben wird. Für mich hätte mein Aufenthalt in Istanbul also bereits am ersten Tag zu Ende sein können. Vielen Einheimischen ergeht es dabei schlimmer.

Wer als Fotograf oder Videograf Proteste wie in Istanbul dokumentieren will, sollte auf jeden Fall einen Presseausweis haben. Die Polizei hat die Ausweise teils kontrolliert. Ein Helm mit Aufschrift Presse, eine Gasmaske und Knieschützer, um sich beim abknien nicht an einer Scherbe zu verletzen.

Journalisten können sich mit Berichten von Demonstrationen profilieren, allerdings ist auch bei solch gefährlichen Einsätzen wenig Geld zu machen. Ein Fotograf aus Madrid, den ich später kennenlernte, schaffte es beispielsweise, eines seiner Fotos beim Guardian abzusetzen. Das Foto wurde online gestellt, Geld sah er für sein Foto nicht.

Bewegung

In der Türkei ist etwas in Bewegung gekommen. Es geht um Teilhabe. Die Mittelschicht und allen voran die Studenten fordern ein Ende des autoritären, paternalistischen Staates. Unter denen, die nun Selbstbestimmung fordern, sind auch viele Deutsch-Türken, die nach Istanbul oder die Türkei zurückkehren.

Die gewaltsamen Proteste in der Innenstadt sind nur das offensichtlichste Zeichen des Aufruhrs und Aufbruchs. Die Zahl der Demonstranten hat nach eineinhalb Monaten abgenommen. Beide Seiten, die Polizei und die Demonstranten sind müde. Ein Regierungssturz kommt wohl nicht in Frage, aber die Proteste haben das zivilgesellschaftliche Engagement in Schwung gebracht.

Ich nahm auf Einladung einer Freundin ein Woche später an einem friedlichen Protestforum in einem Park fern der Istiklal und Taksim teil. Sie hatten einen Tauschmarkt organisiert, diskutierten auf dem Rasen sitzend, begingen zusammen das Fastenbrechen, bei dem sie ihre Mitgebrachten Speisen untereinander teilten. Zum Abschluss hielten sie Vorträge. Derartige Treffen finden jeden Tag über Istanbul verteilt statt.

Rückweg

Es war das zweite Mal, dass die Wasserwerfer die Haupteinkaufsstraße komplett leerfegten. Dieses mal zurück die Istiklal hinauf Richtung Taksim-Platz. Die Polizisten im Wasserwerfer schalteten den Generator für die Wasserpumpe an. Das weiße Ungetüm setzte sich in Gang, der Strahl fegt die Straße leer. Die Demonstranten rannten zur nächsten Kreuzung oder verschwanden in die Seitenstraßen oder verschwanden in Geschäften, bevor die Inhaber die Stahlrollläden herunterließen.

Ich blieb wieder einfach stehen, presste mich an eines der Schaufenster. Der Wasserwerfer kam genau auf meiner Höhe zum Stehen. Ich hielt mit meiner Kamera drauf, war hinter die Linien der Polizei zurückgefallen. Ich hörte neben mir auf dem Asphalt Glasflaschen zerplatzen, die die Demonstranten in Richtung Polizei warfen.

Ich merkte trotz des Adrenalins, dass ich mich in Gefahr gebracht hatte und verstand nun, warum viele der Demonstranten Helme trugen. Ich filmte weiter, wie ein paar Protestler sich in den toten Winkel der Kanone direkt neben den Wasserwerfer schlichen und das Fahrzeug attackierten. Um die Demonstranten vom Fahrzeug zu vertreiben, verschoss die Polizei Gas.

Die Gaswolke erwischte mich voll. Ich floh mit gereizten Augen und in Atemnot. Ich stand kurz davor, in Panik zu geraten, weil ich die Orientierung verlor, nichts mehr sah und kaum atmen konnte. Ein anderer Demonstrant und ich wuschen uns die Augen gegenseitig mit Wasser aus. Aus einem Kiosk kam ein Mann mit einer Trinktüte mit Milch. Sie helfe besser als Wasser.

Mein Kollege und ich hatten nach ein paar Stunden die Schnauze voll vom Katz und Mausspiel, das sich noch weit in die Nacht zog. Wir machten uns auf dem Heimweg. In einer Seitenstraße kamen wir an einem Dönerladen vorbei. Im Fernsehen lief ein Bericht über den Protest, ein deutschsprachiger Tourist fragte: „Ist das in Istanbul?“.

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